Reibung erzeugt Spannung - und kann für Frauen sehr lustvoll sein, wie der Trend "Pillow Humping" oder auch "Kissenreiten" zeigt. Davon hast du noch nicht gehört? Dann wird es Zeit, diese Wissenslücke zu schließen!
Wir haben Sanja Zündorf von Entzück dich Selbst zum Interview gebeten, um mehr über ihre "Come Around" Masturbationskissen zu erfahren.
Sanja, du beschäftigst dich seit Jahren mit weiblicher Sexualität und gesellschaftlicher Scham rund um Masturbation. Wie kam es dazu, dass du dich so intensiv mit diesem Thema auseinandergesetzt hast?
Ich dachte lange, ich sei die einzige Frau, die masturbiert. Ich habe mich schlecht gefühlt und geschämt. Als ich älter wurde und die ersten Gespräche mit meinen Freundinnen geführt und gemerkt habe, dass ich nicht alleine bin, weder mit der Masturbation noch mit der Scham, habe ich angefangen, mich dafür zu interessieren, woher diese Gefühle kamen und warum wir sie alle teilen.

In deiner Forschung hast du festgestellt, dass viele Frauen ähnliche Schamgefühle erleben. Was sind deiner Meinung nach die Hauptursachen dafür, dass weibliche Selbstbefriedigung noch immer so tabuisiert ist?
Wir leben in einer patriarchalen Gesellschaftsstruktur, die unter anderem auf dem Irrglauben aufgebaut ist, dass Frauen abhängig von Männern sind - finanziell, zum Schutz, aber auch sexuell.
Masturbierende Frauen (übrigens ebenso wie lesbische Frauen) untergraben diesen Glauben und sind dadurch nicht gewollt. Das ändert sich natürlich, aber die alten Strukturen zeigen sich trotzdem noch: Wir lernen im Biologieunterricht nicht die richtigen Worte, die Klitoris ist oft immer noch falsch abgebildet, weibliche Masturbation taucht in der Pop-Kultur als Punchline statt Empowerment auf und wir haben nicht mal ein umgangssprachliches Wort für weibliche Masturbation. Es ist also gar kein Wunder, dass wir uns alleine fühlen!
Du hast schließlich ein Sextoy entwickelt, das sich deutlich von klassischen Produkten unterscheidet. Wie entstand die Idee dazu - und was war dir beim Design besonders wichtig?
Ich habe eine Umfrage mit inzwischen über 3000 Frauen und Personen mit Vulva durchgeführt. Unglaublich viele gaben an, schon mal mit einem Kissen masturbiert zu haben. Das Besondere: Sie alle dachten, sie wären die einzigen, die das so machen und es wäre merkwürdig, kindisch oder sogar pervers.
Eine meiner anderen Erkenntnisse war, dass der Toy-Markt stark beeinflusst, was wir als normal wahrnehmen. Wenn wir viele penetrative Toys sehen, denken wir, dass Penetration sehr beliebt sein muss (was übrigens nicht stimmt).

Kissenreiten war (bisher) überhaupt nicht auf dem Markt vertreten, ich wusste also, dass ich diese Lücke füllen wollte. Als Service, aber auch als Statement! Beim Design war mir wichtig auf Motoren zu verzichten, damit die Nutzenden selbst die Intensität der Stimulation in der Hand (beziehungsweise der Hüfte) haben.
Viele Sextoys sind nach dem Vorbild männlicher Sexualität gestaltet. Wolltest du mit deinem Produkt bewusst eine Gegenperspektive schaffen?
Ja! Auf meinem Sattel, aber auch generell beim Kissenreiten, sitzt man aufrecht und ist sehr aktiv. Viele Toys sind für eine passive Nutzung ausgelegt. Aktiv zu sein ist sehr empowernd und kann auch beeinflussen, was für Fantasien wir haben!
Wir stellen uns meistens eher Situationen vor, in denen wir in einer ähnlichen Position stattfinden, die wir bei der Masturbation eingenommen haben.
Welche Reaktionen hast du bisher auf dein Toy bekommen - sowohl aus der Community als auch aus den Medien oder der Industrie?
Das Feedback war überwältigend. Hauptsächlich positiv und oft extrem gerührt! Kissenreiter*innen schreiben mir bis heute täglich Nachrichten auf Instagram, weil sie immer dachten, sie wären alleine oder falsch.

Natürlich gibt es auch immer wieder kritische Stimmen, die meistens von Männern kommen und folgen oft der Argumentation "das könne ja gar nicht funktionieren, so ohne Penetration und Vibration" - dabei entpuppen sie sich allerdings meist eher als nicht besonders gut informiert!
Du sprichst offen über Masturbation und körperliche Selbstbestimmung. Wie gehst du mit negativen Kommentaren oder Unverständnis um, insbesondere in sozialen Medien?
Ich versuche es mit Humor zu nehmen und lenke auch gerne Aufmerksamkeit auf die Unwissenheit oder Engstirnigkeit, die oft aus ihnen zu lesen ist. Ich bin so überzeugt von meiner Mission und meinem Produkt, dass ich mir Negativität nicht zu Herzen nehme.
Wenn mal ein Reel in einer falschen Bubble viral geht und es arg viel wird, ist es schon manchmal anstrengend. Ich lösche allerdings übergriffige oder beleidigende Kommentare sofort. Mein Profil ist meine Bühne und ich darf auch entscheiden, mit wem ich sie teile.
Dein Toy ist nicht nur ein Produkt, sondern auch ein Statement. Würdest du sagen, dass du mit deiner Marke feministische Aufklärungsarbeit leistest?
Auf jeden Fall. Ich sehe den Sattel als Werkzeug, um Gespräche zu beginnen, um Aufmerksamkeit zu generieren und Menschen zu faszinieren, wer sich auf meiner Social Media umschaut, merkt, dass es von da schnell zu feministischer Aufklärungsarbeit wird.
Egal ob ich über Anatomie oder aktuelle Bewegungen spreche, oder in meiner Serie "Men who should have journaled instead" das Leben von Männern beleuchte, die mit ihrer Arbeit nachhaltig unsere sexistische Welt geprägt haben - es geht bei mir nicht nur um Kissenreiten.
Beim Marketing für Sextoys steht man schnell vor Grenzen - von Zensur auf Plattformen bis hin zu gesellschaftlicher Skepsis. Wie findest du Wege, dein Produkt trotzdem sichtbar zu machen? Welche Kanäle hast du ausprobiert und was funktioniert am besten für dich?
In diesem einen Fall ist der Umstand, dass Kissenreiten so wahnsinnig tabuisiert ist, von Vorteil: Der Algorithmus erkennt es nicht als problematisch. Während ich also "Smeggs" statt "Sex" sage, kann ich "pillow humping" unzensiert bewerben!
Ich bin auf Instagram und TikTok unterwegs, allerdings ist Instagram die, für mich persönlich, nativere Plattform. Deshalb fühle ich mich dort auch wohler!
Welche Zielgruppe möchtest du mit deiner Kommunikation erreichen - und wie wichtig ist dir, dass auch Männer und Paare über das Thema ins Gespräch kommen?
Ich möchte in erster Linie Kissenreiter*innen erreichen, um ihnen zu zeigen, dass sie nicht falsch sind. Aber natürlich: Je mehr Leute Bescheid wissen, desto besser! Gerade in Beziehungen, in denen Sex eine Rolle spielt, sollte auch das Gespräch über Masturbation stattfinden.
Du hast einmal gesagt, dass Masturbation oft unaufgeregter ist, als sie dargestellt wird. Was wünschst du dir, wie Medien und Marken künftig über weibliche Lust sprechen?
Es gibt so wenig Szenen in der Pop-Kultur, in der Frauen masturbieren. Und wenn, sind sie oft sexualisiert und aus dem male gaze gezeigt. Das ändert sich bereits, und ich bin super happy darüber!
Trotzdem wünsche ich mir noch mehr Realismus. Bei den "Gründen für Masturbation" war "geil" zu sein zwar dabei, aber genauso war es Langeweile, Me-Time, Nicht-Einschlafen-Können und Stress. Die letzteren sieht man viel zu selten. Im Pijama, vllt läuft sogar nebenher noch Netflix. Masturbation darf auch Alltag sein.
Wie siehst du die Zukunft des Sextoy-Markts? Wird er weiblicher, diverser, mutiger - oder wiederholt er nur alte Muster in neuer Verpackung?
Es gibt bereits wahnsinnig tolle Entwicklungen und viele female Founders, die neue und revolutionäre Ideen auf den Markt bringen. Und die Resonanz auf mein Produkt zeigt mir, dass auch die Gesellschaft bereit ist, Masturbation neu zu denken. Ich hoffe also, dass das hier nur der Anfang ist!
Zum Schluss: Wenn du einen Wunsch freihättest - was sollte sich in unserer Gesellschaft im Umgang mit Sexualität und Selbstbefriedigung grundlegend verändern?
Ich wünschte, dass mehr Menschen die Magie von Masturbation erkennen würden. Ein Safe-Space, unbeobachtet und nur für dich, in dem du herausfinden kannst, was dir wirklich gefällt. Wie dein Körper funktioniert, was du wirklich magst. Das ist ein Geschenk, und es wird viel zu oft aus Scham liegen gelassen.
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